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Wenn Zahlen allein nicht ausreichen: Die Logik hinter Ressourcenschätzungen
Eine Meldung wie „Junior-Goldminer verdoppelt Ressource auf 1,8 Millionen Unzen“ klingt zunächst beeindruckend. Die eigentliche Analyse fängt aber genau dort an: Wie verlässlich ist diese Ressource? Wie viel davon kann je wirtschaftlich abgebaut werden? Und welcher Anteil gilt als geologisch ausreichend belegt, um Investitionsentscheidungen darauf zu stützen?
Internationale Meldestandards wie der australische JORC-Code (Joint Ore Reserves Committee) oder das kanadische Pendant NI 43-101 geben darauf strukturierte Antworten. Sie teilen Mineralvorkommen in klar definierte Kategorien ein – und genau diese Einteilung ist für die Bewertung eines Junior-Projekts oft wichtiger als die absolute Tonnagezahl.
Ressourcen, Reserven und der Unterschied, der zählt
Beide Standards unterscheiden grundlegend zwischen Mineral Resources (Ressourcen) und Mineral Reserves (Reserven). Das ist keine bloße Semantik:
- Mineral Resources beschreiben ein Vorkommen, das nach aktuellem Kenntnisstand vorhanden und potenziell wirtschaftlich interessant ist – aber noch keiner abschließenden wirtschaftlichen Bewertung unterzogen wurde.
- Mineral Reserves sind der Teil einer Ressource, der nach einer umfassenden Machbarkeitsstudie als wirtschaftlich abbaubar gilt und den technischen sowie finanziellen Anforderungen eines Bergbaubetriebs standhält.
Innerhalb der Ressourcen gibt es drei Unterklassen, geordnet nach zunehmendem Vertrauensgrad der geologischen Daten:
| Kategorie | Datendichte | Bedeutung für Anleger |
|---|---|---|
| Inferred | Gering – weite Bohrlochabstände | Erste Anhaltspunkte, hohe Unsicherheit |
| Indicated | Mittel – engere Beprobung | Ausreichend für Scoping-Studien |
| Measured | Hoch – enge, systematische Bohrung | Basis für Machbarkeitsstudien und Reservenberechnung |
Die Faustregel: Je höher der Anteil an Measured & Indicated (kurz: M&I), desto belastbarer die Schätzung und desto näher rückt ein Projekt an wirtschaftliche Entscheidungsreife heran.

Warum der M&I-Anteil die Bewertung treibt
Stellen wir uns zwei fiktive Projekte mit identischer Gesamtressource von 1,8 Millionen Unzen Gold vor. Projekt A hat 70 % in den Kategorien Measured & Indicated ausgewiesen, Projekt B hingegen nur 25 %. Was bedeutet das in der Praxis?
Bei Projekt B ist die Geologie noch wenig verstanden. Es fehlen enge Bohrraster, Kontinuitätsnachweise und belastbare Tonnagemodelle. Banken und institutionelle Investoren, die Projektfinanzierungen prüfen, können mit solchen Daten kaum arbeiten – Inferred Resources dürfen nach beiden Standards ausdrücklich nicht in Machbarkeitsstudien einfließen.
Projekt A steht auf einer anderen Grundlage: 70 % M&I bedeutet, dass systematische Bohrkampagnen die geologische Kontinuität mit vertretbarer Sicherheit belegt haben. Das reicht für eine Pre-Feasibility Study (PFS) – der erste formale Schritt, aus einer Ressource eine bankfähige Reserve zu machen.
Ein konkretes Beispiel aus der Bergbaupraxis: Wer eine Finanzierung über Banken oder einen Streaming-Deal anstrebt, muss Kreditgebern in der Regel nachweisen, dass ein Großteil der zugrunde liegenden Ressource in M&I oder besser klassifiziert ist. Erst dann lässt sich der Cashflow eines zukünftigen Bergwerks halbwegs verlässlich modellieren.
Gehalt und Klassifizierung: Zwei Seiten derselben Medaille
Neben der Kategorisierung spielt der Gehalt (engl. grade), gemessen in Gramm pro Tonne (g/t), eine wesentliche Rolle. Ein Projekt mit 1,2 g/t im Tagebau (Open-Pit) bewegt sich für moderne Goldprojekte in einem soliden, aber nicht außergewöhnlichen Bereich – viele etablierte australische Open-Pit-Minen operieren zwischen 0,8 und 1,5 g/t. Untertageprojekte erfordern wegen höherer Abbaukosten oft 3–5 g/t, um wirtschaftlich zu sein.
Die entscheidende Frage dabei: Bei welchem Cut-off-Gehalt wurde die Ressource berechnet? Der Cut-off ist der Mindestgehalt, ab dem Gestein als wirtschaftlich abbaubar gilt. Eine niedrigere Gehaltsgrenze erzeugt eine größere Ressource – aber keine werthaltigere. Anleger sollten daher prüfen, ob eine Ressourcensteigerung durch mehr Bohrlöcher und mehr Gestein erreicht wurde oder schlicht durch einen niedrigeren Cut-off. Das ändert die Aussagekraft einer Meldung erheblich.
Bohrkampagnen im Projektzyklus
Junior-Goldprojekte durchlaufen grob vier Entwicklungsphasen, die für die Einordnung einer Ressourcenmeldung relevant sind. Erste geochemische und geophysikalische Anomalien markieren den Anfang – dann folgen systematische Bohrkampagnen, die ein erstes Bild der Lagerstätte zeichnen und erste Inferred-Ressourcen erzeugen. Engere Bohrraster heben diese Inferred-Blöcke anschließend in die Kategorien Indicated und Measured an, während die Gesamttonnage wächst. Am Ende der Entwicklung stehen PFS, Feasibility Study und Reservenberechnung – die formale Grundlage für eine Produktionsentscheidung.
Eine Ressourcenverdopplung in den frühen Phasen beweist für sich genommen noch keine wirtschaftliche Tragfähigkeit. Sie zeigt aber, dass das Projekt geologisch reifer wird: Die Bandbreite möglicher Ausgänge verengt sich, das Explorationsrisiko sinkt.
Junior-Aktien legen nach solchen Meldungen häufig zu, weil ein breiterer und besser klassifizierter Ressourcenkörper die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Projekt irgendwann zur Studie oder zur Mine reift. Ob dieser Aufschlag gerechtfertigt ist, hängt davon ab, wie weit das Projekt von einer tatsächlichen Produktionsentscheidung entfernt ist – und welche Kapitalkosten auf dem Weg dorthin noch anfallen.
Geologische Reife als Orientierungsgröße – nicht als Garantie
Der JORC-Code und NI 43-101 verfolgen dasselbe Ziel: Anleger vor irreführenden Ressourcenangaben zu schützen und eine vergleichbare Berichterstattung zu ermöglichen. Den Goldpreis, die Infrastrukturkosten oder die politische Stabilität einer Jurisdiktion regeln sie nicht – Faktoren, die am Ende über Erfolg oder Misserfolg eines Projekts entscheiden.
Wer ein Junior-Projekt bewertet, sollte deshalb zwei getrennte Fragen stellen: Wie belastbar ist die Ressourcenschätzung – also Kategorienmix, Gehalt, Cut-off? Und in welchem regulatorischen und infrastrukturellen Umfeld liegt das Projekt? Wer nur die Schlagzeile liest, beantwortet keine davon.
- JORC-Code
- Australischer Standard zur Berichterstattung über Mineralressourcen und -reserven, entwickelt vom Joint Ore Reserves Committee. Verpflichtend für an der ASX notierte Bergbauunternehmen.
- NI 43-101
- Kanadische Norm (National Instrument 43-101) für technische Berichte über Mineralvorkommen. Gilt für TSX- und TSXV-notierte Unternehmen; konzeptionell mit JORC kompatibel.
- Mineral Resource
- Konzentration eines Minerals, das nach aktuellem Kenntnisstand vorhanden und potenziell wirtschaftlich interessant ist. Unterteilt in Inferred, Indicated und Measured.
- Mineral Reserve
- Der wirtschaftlich abbaubare Teil einer Measured- oder Indicated-Ressource, der nach einer umfassenden Machbarkeitsstudie als rentabel eingestuft wird. Nicht zu verwechseln mit Mineral Resource.
- Cut-off-Gehalt
- Mindestgehalt (g/t), ab dem Gestein in eine Ressourcenschätzung einbezogen wird. Er beeinflusst die ausgewiesene Tonnage erheblich und muss immer mitbetrachtet werden.
- Measured & Indicated (M&I)
- Zusammenfassung der zwei höchsten Ressourcenkategorien. Ein hoher M&I-Anteil signalisiert geologische Reife und ist Voraussetzung für Machbarkeitsstudien und Reservenberechnungen.
- Pre-Feasibility Study (PFS)
- Erste umfassende wirtschaftliche Prüfung eines Projekts, die auf Indicated- und Measured-Ressourcen basiert. Vorläufer der abschließenden Machbarkeitsstudie (Feasibility Study).
- Open-Pit
- Tagebauverfahren, bei dem Gestein von der Oberfläche aus abgebaut wird. Eignet sich für flach liegende, großvolumige Lagerstätten mit niedrigerem Gehalt und ist oft kostengünstiger als Untertagebau.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Anlageberatung, keine Kaufempfehlung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Investitionen in Explorations- und Bergbauunternehmen mit geringer Marktkapitalisierung (Small Caps) sind mit hohen Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Totalverlusts des investierten Kapitals. Vor jeder Anlageentscheidung sollten Sie einen registrierten Finanzberater konsultieren und eine eigene Analyse durchführen. Boersen Post Team übernimmt keine Verantwortung für Entscheidungen, die auf Grundlage der veröffentlichten Inhalte getroffen werden.



