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Wenn eine Zahl mehrere Metalle verbirgt
Wer Bohrmeldungen von Silber-Juniors liest, begegnet regelmäßig Angaben wie „506 g/t AgEq über 13,90 Meter“ oder „807 g/t AgEq über 4,96 Meter“. AgEq steht für Silver Equivalent, also Silberäquivalent. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein einzelner Silbergehalt — tatsächlich stecken darin mehrere Metalle, die anhand ihrer Preise in einen gemeinsamen Maßstab umgerechnet wurden. Wer in Silber-Juniors investiert und diese Zahl nicht einordnen kann, dem fehlt eine wesentliche Grundlage dafür, wie wirtschaftlich ein Projekt wirklich ist und welche Risiken hinter einer scheinbar starken Zahl stecken.
Hochgradige Ergebnisse aus kanadischen Projekten, besonders aus dem geologisch ergiebigen Golden Triangle in British Columbia, haben zuletzt das Interesse an silberreichen Polymetall-Systemen verstärkt. Bevor man einzelne Bohrergebnisse bewertet, lohnt es sich, die Mechanik hinter der AgEq-Berechnung zu verstehen.
Wie die AgEq-Formel funktioniert — und wo sie Annahmen trifft
Die Grundidee ist einfach: Enthält ein Erzgang neben Silber auch Gold, Blei, Zink oder andere Metalle, rechnet man deren Gehalt anhand der jeweiligen Metallpreise in einen fiktiven Silbergehalt um. Die Formel lautet vereinfacht:
AgEq (g/t) = Silber (g/t) + [Gold (g/t) × (Goldpreis / Silberpreis)] + [Blei (%) × Umrechnungsfaktor] + …
Ein konkretes Beispiel: Ein Bohrabschnitt enthält 300 g/t Silber und 2 g/t Gold. Bei einem Goldpreis von 3.200 USD/Unze und einem Silberpreis von 32 USD/Unze liegt das Gold-zu-Silber-Verhältnis bei 100:1. Die 2 g/t Gold entsprechen damit 200 g/t AgEq, der Gesamtwert beträgt 500 g/t AgEq — obwohl der reine Silbergehalt nur 300 g/t ist.
Hinzu kommt die metallurgische Gewinnungsrate (Recovery). In der Praxis lässt sich nicht jedes Gramm eines Metalls vollständig aus dem Erz herauslösen. Ein AgEq-Wert, der Gewinnungsraten ignoriert oder zu optimistisch ansetzt, überschätzt die tatsächliche wirtschaftliche Ausbeute. Seriöse technische Berichte nach dem kanadischen NI 43-101-Standard weisen Recovery-Annahmen explizit aus — ein Hinweis auf Transparenz, der beim Lesen von Meldungen nicht übersehen werden sollte.

Infill-Bohrungen, Ressourcenklassen und der Weg zur Wirtschaftlichkeitsstudie
Neben der AgEq-Kennzahl selbst ist für Small-Cap-Anleger entscheidend, warum ein Unternehmen gerade Infill- oder Expansionsbohrungen durchführt. Die beiden Bohrstrategien verfolgen unterschiedliche Ziele, und ihre Ergebnisse wirken sich direkt auf die Ressourcenklassifikation nach NI 43-101 aus.
| Bohrungstyp | Ziel | Wirkung auf Ressourcenklasse |
|---|---|---|
| Infill-Bohrung | Verdichtung des Bohrrasters innerhalb bekannter Zonen | Hebung von Inferred zu Indicated |
| Expansionsbohrung | Erweiterung der Mineralisierung über bekannte Grenzen hinaus | Zufügung neuer Inferred-Ressourcen |
| Step-Out-Bohrung | Testen lateraler oder vertikaler Kontinuität | Verbindung getrennter Zonen möglich |
Warum ist diese Klassifikation so wichtig? Nach internationalem Standard, sei es NI 43-101 in Kanada oder JORC in Australien, dürfen nur Ressourcen der Kategorien Indicated und Measured in Wirtschaftlichkeitsstudien einfließen, also in Preliminary Economic Assessment, Pre-Feasibility Study oder Feasibility Study. Inferred-Ressourcen gelten als zu unsicher für belastbare Wirtschaftsrechnungen.
Ein Projekt, das durch systematische Infill-Bohrungen einen substanziellen Teil seiner Ressource von Inferred in Indicated überführt, rückt damit tatsächlich einen Schritt näher an eine belastbare Wirtschaftlichkeitsstudie heran. Das verändert die Grundlage, auf der Banken, Projektfinanciers und Übernahmeinteressenten das Projekt beurteilen.
Vereinfacht gesagt: Inferred-Ressourcen geben an, dass etwas vorhanden ist, aber die Datenlage reicht nicht für verlässliche Mengen- und Gehaltsschätzungen. Bei Indicated-Ressourcen ist der Bohrabstand eng genug, um Gehalt, Tonnage und räumliche Kontinuität mit ausreichender Verlässlichkeit zu modellieren. Genau das ist die Voraussetzung für Planungsrechnungen.
Was hochgradige AgEq-Werte für Small-Cap-Projekte bedeuten
Hochgradige Ergebnisse wie jene, die aus Projekten im Kitsault Valley in British Columbia gemeldet wurden, erzeugen an den Märkten regelmäßig Aufmerksamkeit. Der Golden Triangle gilt als eine der produktivsten Erzprovinzen Kanadas; große historische Minen haben dort über Jahrzehnte silber- und goldreiche Polymetall-Erze gefördert. Bestätigen Bohrergebnisse eine zusammenhängende Mineralisierungszone zwischen zwei vorher getrennten Deposits, ist das geologisch relevant: Es deutet auf ein größeres, zusammenhängendes System hin, das für künftige Ressourcenberechnungen Gewicht hat.
Dennoch garantieren hochgradige Bohrabschnitte keine wirtschaftliche Abbaubarkeit. Mächtigkeit und Kontinuität spielen eine große Rolle. Ein schmaler, hochgradiger Abschnitt über wenige Meter ist bergbaulich schwieriger zu erschließen als ein breiterer, mäßig gradiger Körper, selbst wenn der AgEq-Wert dort niedriger liegt. Dazu kommen Infrastruktur und Zugänglichkeit: Projekte in abgelegenen Regionen wie Northwest British Columbia erfordern erhebliche Investitionen in Straßen, Energieversorgung und Logistik. Diese Kosten tauchen in AgEq-Werten nicht auf. Polymetallische Erze, die mehrere Metalle in einem AgEq-Wert bündeln, sind zudem oft schwieriger aufzubereiten. Die Trennung von Silber, Blei und Zink erfordert aufwendige Flotationsverfahren, deren Effizienz erst im Labor- und Pilotmaßstab getestet werden kann.
Phase-1-Bohrprogramme liefern häufig erste Hinweise auf ein breiteres mineralisiertes System, ohne schon die Bohrdichte zu erreichen, die für eine formale Ressourcenschätzung nach NI 43-101 nötig ist. Das Ergebnis ist ein Datenpunkt, kein abgeschlossenes Bild.
AgEq als Lesekompass
Die Silberäquivalenz-Kennzahl ist nützlich, um verschiedene Polymetall-Projekte auf einer gemeinsamen Skala zu vergleichen. Sie drückt den kombinierten wirtschaftlichen Wert mehrerer Metalle in einer einzigen Zahl aus, was die Kommunikation mit Investoren erleichtert und die Einordnung in den Sektorkontext vereinfacht.
Gleichzeitig ist sie ein vereinfachtes Modell. Wer AgEq-Werte liest, sollte sich fragen: Welche Metallpreise wurden verwendet? Wurden Gewinnungsraten berücksichtigt? Wie breit ist der Bohrabschnitt, und handelt es sich um Infill-Bohrungen in einer bekannten Zone oder um explorative Erstbohrungen? In welcher Ressourcenkategorie befinden sich die mineralisierten Bereiche?
Für Anleger, die früh in Silber-Juniors einsteigen wollen, liefern hochgradige AgEq-Ergebnisse Signale. Der Weg von einem starken Bohrergebnis zu einer bankfähigen Ressource, dann zur Wirtschaftlichkeitsstudie und schließlich zur Produktionsentscheidung ist lang, kapitalintensiv und mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Wer die AgEq-Mechanik versteht, hat zumindest einen soliden Ausgangspunkt für die Projektbewertung.
Wichtige Begriffe für die Praxis
- AgEq (Silver Equivalent / Silberäquivalent)
- Umrechnung aller in einem Erzgang enthaltenen Metalle in einen einheitlichen Silbergehalt, basierend auf aktuellen oder angenommenen Metallpreisen. Ermöglicht den Vergleich von Polymetall-Projekten.
- Infill-Bohrung
- Bohrung innerhalb einer bereits bekannten Mineralisierungszone mit dem Ziel, den Bohrungsabstand zu verringern und die geologische Sicherheit zu erhöhen. Führt häufig zur Hochstufung von Ressourcenklassen.
- Inferred Resource
- Niedrigste Ressourcenkategorie nach NI 43-101 oder JORC. Die Mineralisierung ist bekannt, aber geologisch unzureichend belegt. Nicht geeignet als Grundlage für Wirtschaftlichkeitsstudien.
- Indicated Resource
- Mittlere Ressourcenkategorie. Ausreichend Bohrdaten vorhanden, um Gehalt, Tonnage und Kontinuität mit angemessener Verlässlichkeit zu schätzen. Darf in Wirtschaftlichkeitsstudien verwendet werden.
- Recovery / Gewinnungsrate
- Anteil eines Metalls, der im Aufbereitungsprozess tatsächlich aus dem Erz gewonnen werden kann. Eine Recovery von 85 % bedeutet, dass 15 % des Metalls im Prozessrückstand verbleiben.
- NI 43-101
- Kanadischer Regulierungsstandard (National Instrument 43-101) für die Offenlegung wissenschaftlicher und technischer Informationen über Mineralprojekte. Schreibt vor, welche Ressourcen- und Reservekategorien wie ausgewiesen werden dürfen.
- Step-Out-Bohrung
- Bohrung außerhalb der bekannten Mineralisierungsgrenzen, um zu testen, ob sich der Erzkörper lateral oder in die Tiefe fortsetzt. Ziel ist die Ressourcenerweiterung, nicht die Verdichtung.
- Gold-Silber-Verhältnis (GSR)
- Gibt an, wie viele Unzen Silber einer Unze Gold entsprechen. Das Verhältnis schwankt historisch erheblich und beeinflusst direkt die Höhe von AgEq-Berechnungen, die Gold als Nebenmetall enthalten.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Anlageberatung, keine Kaufempfehlung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Investitionen in Explorations- und Bergbauunternehmen mit geringer Marktkapitalisierung (Small Caps) sind mit hohen Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Totalverlusts des investierten Kapitals. Vor jeder Anlageentscheidung sollten Sie einen registrierten Finanzberater konsultieren und eine eigene Analyse durchführen. Boersen Post Team übernimmt keine Verantwortung für Entscheidungen, die auf Grundlage der veröffentlichten Inhalte getroffen werden.



